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Kanzlei verkaufen: Nachfolge & Bewertung richtig planen

September 9, 2026

Österreichs Steuerberatungsbranche steht vor einer paradoxen Nachfolgefrage: Es gibt so viele Berufsanwärter:innen wie nie, doch gleichzeitig wird es für Kanzleiinhaber:innen immer schwieriger, jemanden für die Übernahme ihres Unternehmens zu finden. Bei Team23 sehen wir diese Entwicklung in der Praxis und für unseren Gründer Edin Salihodzic liegt der Grund klar auf der Hand.

„Uns droht kein Mangel an Steuerberater:innen, sondern ein Mangel an Kanzleiunternehmer:innen.“
— Edin Salihodzic, Team23 Steuerberatung

Mehr Nachwuchs trifft auf alternde Inhaber:innen

Die Zahlen sprechen zunächst für Entwarnung: Innerhalb von neun Jahren ist die Zahl der Berufsanwärter:innen von 2.998 im Jahr 2015 auf 4.366 im Jahr 2024 gestiegen, ein Plus von rund 46 Prozent. Gleichzeitig nähert sich ein beträchtlicher Teil der Berufsberechtigten dem Pensionsalter: Anfang 2025 zählte die Kammer der Steuerberater:innen und Wirtschaftsprüfer:innen insgesamt 8.616 physische Mitglieder, von denen rund 47 Prozent älter als 50 Jahre und knapp 20 Prozent bereits über 60 Jahre alt waren.

Das Problem liegt laut Edin nicht in der Zahl der Nachwuchskräfte, sondern in deren Bereitschaft, unternehmerische Verantwortung zu übernehmen. Eine Kanzlei zu führen bedeute weit mehr als steuerlich zu beraten – es gehe um Verantwortung für Beschäftigte, Finanzierung und wirtschaftliches Risiko. Eine angestellte Tätigkeit und die Rolle als Kanzleiinhaber:in seien deshalb zwei grundlegend unterschiedliche Entscheidungen.

Warum eine eigene Gründung attraktiver erscheinen kann

Viele junge Steuerberater:innen fragen sich, warum sie für einen bestehenden Betrieb bezahlen sollten, wenn die Nachfrage nach Beratungsleistungen ohnehin hoch ist.

„Warum also eine Kanzlei kaufen, wenn man selbst gründen kann? Diese Rechnung greift aber zu kurz.“
— Edin

Denn mit einer bestehenden Kanzlei würden nicht nur Mandant:innen übernommen, sondern im Idealfall auch bereits etablierte Mitarbeiter:innen, Arbeitsabläufe und Kundenbeziehungen.

Dass externe Interessent:innen für die Nachfolge immer wichtiger werden, zeigt sich auch daran, dass mittlerweile weniger als die Hälfte aller Übergaben innerhalb der Familie stattfindet. Die wirtschaftliche Entwicklung der Branche liefert dabei grundsätzlich gute Voraussetzungen: Der Gesamtumsatz der Kammermitglieder stieg von rund 2,2 Milliarden Euro im Jahr 2014 auf knapp 3,6 Milliarden Euro im Jahr 2023 – ein Plus von rund neun Prozent allein im letzten Jahr. Trotzdem finden nach Beobachtung von Salihodzic zunehmend kleinere und mittlere Kanzleien keine ausreichend kaufbereiten Interessent:innen.

Beim Unternehmenswert treffen zwei Perspektiven aufeinander

Ist ein:e mögliche:r Käufer:in gefunden, ist die Übergabe noch nicht gesichert. Ein wesentlicher Knackpunkt ist die Bewertung der Kanzlei, denn Verkäufer und Käufer betrachten das Unternehmen aus völlig unterschiedlichen Blickwinkeln.

PerspektiveWorauf der Fokus liegt
Verkäufer:inJahrzehnte Berufsleben, persönliche Mandantenbeziehungen, Lebenswerk
Käufer:inStabilität des Teams, Mandantenstruktur, technischer Zustand, Modernisierungsbedarf, Finanzierbarkeit

„Auf Verkäuferseite heißt es oft: Meine Kanzlei ist besonders, meine Mandant:innen bleiben sicher und mein Lebenswerk ist mehr wert. Käufer:innen sehen dagegen vor allem die Risiken: Bleibt das Team? Bleiben die Mandant:innen? Sind die Prozesse zeitgemäß?“
— Edin

Problematisch werde es vor allem dann, wenn diese Fragen erst kurz vor dem Pensionsantritt geklärt werden sollen. Entscheidend für die Übertragbarkeit einer Kanzlei sind dabei nicht allein die Umsätze: Sind Abläufe kaum dokumentiert, technische Systeme veraltet oder Mandant:innen fast ausschließlich an die Person des bisherigen Eigentümers gebunden, kann dies einen Verkauf erheblich erschweren. Auf der anderen Seite werde von Interessent:innen mitunter zu wenig gewürdigt, welchen Wert funktionierende Strukturen bereits besitzen.

„Bei einer guten Kanzlei kauft man nicht bloß eine Liste mit Klientennamen. Man kauft ein Unternehmen, das bereits jeden Montagmorgen funktioniert.“
— Edin

Ungeklärte Übergaben können Folgen für Mandant:innen haben

Findet sich keine geregelte Nachfolge, lösen sich die bestehenden Aufgaben einer Kanzlei nicht einfach auf. Mandate können auf andere Anbieter:innen verteilt, Kundenstöcke verkauft oder Kanzleien in größere Einheiten integriert werden. Dabei besteht die Gefahr, dass eingespielte Teams auseinandergehen und über Jahre aufgebautes Wissen verloren geht. Besonders betroffen sind kleine und mittlere Unternehmen, deren steuerliche Beratung häufig auf langjähriger Kenntnis von Geschäftsmodell und Branche beruht.

Langfristig könnte die Nachfolgeproblematik auch die Marktstruktur verändern, da größere Anbieter:innen eher über die finanziellen Mittel verfügen, um Kanzleien oder Mandantenbestände zu übernehmen. Edin sieht das nicht grundsätzlich negativ, warnt aber vor den Nebenwirkungen.

„Konsolidierung ist nicht automatisch schlecht. Aber wenn regionale und spezialisierte Kanzleien nur deshalb verschwinden, weil ihre Nachfolge zu spät vorbereitet wurde, verliert der Mittelstand Beratungsvielfalt.“

Zehntausende Unternehmensübergaben stehen bevor

Die Steuerberatung ist mit dieser Herausforderung nicht allein: Laut Wirtschaftskammer Österreich stehen bis 2029 rund 51.500 kleine und mittlere Arbeitgeberbetriebe zur Übergabe an, wovon rund 700.000 Arbeitsplätze betroffen sind. Unternehmensberatung, Buchhaltung und Informationstechnologie zählen bereits jetzt zu den Bereichen mit besonders vielen Betriebsübergaben.

Vorbereitung statt kurzfristigem Verkauf

Edin plädiert dafür, eine geplante Kanzleiübergabe nicht erst dann zu thematisieren, wenn der Rückzug unmittelbar bevorsteht. Nach seiner Einschätzung sollte die Vorbereitung bereits drei bis fünf Jahre vorher einsetzen. In dieser Phase sollten Arbeitsprozesse nachvollziehbar dokumentiert, das Team stabilisiert, die Zusammensetzung des Mandantenstocks untersucht und realistische Vorstellungen über den Wert der Kanzlei entwickelt werden. Mögliche interne Nachfolger:innen sollten frühzeitig einbezogen und schrittweise mit unternehmerischen Aufgaben vertraut gemacht werden.

Selbst ein unterschriebener Kaufvertrag markiert dabei noch nicht das Ende des Übergabeprozesses. Salihodzic empfiehlt, dass der:die bisherige Inhaber:in idealerweise noch zwei bis drei Jahre begleitend tätig bleibt, um Wissen, Vertrauen und wichtige Mandantenbeziehungen schrittweise zu übertragen.

„Nachfolge ist kein Verkauf, bei dem am Freitag der Schlüssel übergeben wird und am Montag alles weiterläuft. Sie ist ein mehrjähriger Transformationsprozess.“

Zusätzlichen Handlungsbedarf sieht er auch bei Kammer und Interessenvertretungen: Er wünscht sich mehr aktive Unterstützung bei der strukturierten Vorbereitung einer Übergabe, bei Bewertungsmodellen sowie beim gezielten Zusammenbringen geeigneter Parteien. Eine erfolgreiche Nachfolge beginnt aus seiner Sicht lange vor der eigentlichen Käufersuche. Die Branche müsse jungen Steuerberater:innen deshalb nicht nur fachliches Rüstzeug vermitteln, sondern auch die Chancen aufzeigen, die in der Weiterführung eines bestehenden Unternehmens liegen.

Häufige Fragen (FAQ)

Weil eine Kanzleiübernahme unternehmerische Verantwortung für Mitarbeitende, Finanzierung und wirtschaftliches Risiko bedeutet – eine grundlegend andere Entscheidung als eine angestellte Tätigkeit.

Sie stieg von 2.998 im Jahr 2015 auf 4.366 im Jahr 2024, ein Anstieg von rund 46 Prozent.

Von den 8.616 physischen Mitgliedern der Kammer der Steuerberater:innen und Wirtschaftsprüfer:innen waren Anfang 2025 rund 47 Prozent älter als 50 Jahre und knapp 20 Prozent über 60 Jahre alt.

Sie gehen davon aus, angesichts hoher Nachfrage auch mit einer Neugründung ausreichend Mandant:innen zu gewinnen, ohne für einen bestehenden Betrieb zu bezahlen.

Verkäufer:innen bewerten ihre Kanzlei über Lebenswerk und persönliche Mandantenbeziehungen, während Käufer:innen auf Teamstabilität, Mandantenstruktur, technischen Zustand und Finanzierbarkeit achten.

Idealerweise drei bis fünf Jahre vor dem geplanten Rückzug, inklusive Prozessdokumentation, Teamstabilisierung und realistischer Wertermittlung.

Nein, der bisherige Inhaber sollte idealerweise noch zwei bis drei Jahre begleitend tätig bleiben, um Wissen und Mandantenbeziehungen zu übertragen.

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